In den letzten Monaten wurde ich immer wieder gefragt, was ich denn noch alles machen will, bevor das Kind da ist und dann gar nichts mehr geht. Den Himalaya besteigen? Mit Haien im indischen Ozean tauchen? In Barcelona die Nächte durchtanzen? Da stutze ich dann immer und frage zurück: Warum sollte ich das danach nicht mehr machen können?

Ganz ehrlich. Natürlich klettere ich mit meinem Neugeborenen nicht auf den Himalaya. Also, zumindest nicht mehr diesen Winter. Es ist aber tatsächlich auch so, dass der Himalaya nicht auf meiner persönlichen Wunschliste steht oder jemals gestanden hat. Es gibt Träume, die überlasse ich lieber anderen. Alle meine anderen Träume – an denen halte ich fest. Warum sollte ein Kind mich davon abhalten? Vielleicht ist das naiv, aber ich bin doch ganz fest der Meinung, dass wir unseren Kindern nicht die Schuld daran geben dürfen, wenn wir „nichts aus unserem Leben gemacht haben“.

Sind die Kinder schuld?

Vor einigen Jahren war ich wegen meiner Schilddrüsen Erkrankung in Ayurveda Kur irgendwo auf der schwäbischen Alb. Das war so „Mitten im Nirgendwo“, sehr idyllisch und sehr gruppendynamisch. Zwei Tage bevor ich – nach 4 Wochen Kur – wieder gefahren bin, kam eine Gruppe von 5 Frauen mittleren Alters (also zwischen 40 und 50) an. Am selben Abend saß ich bei diesen Damen am Tisch und musste (wohl oder übel) ihrem Gespräch lauschen. Sie unterhielten sich ausführlich darüber, wie sehr sie sich diese Auszeit von 2 Wochen verdient hätten. Es war kurz vor Ostern und sie freuten sich, dass sie kein Festtagsmenü für ihre Familien vorbereiten mussten, – weil dieses Jahr seien sie geflohen. Dauernd wolle jemand etwas von ihnen, nie kämen sie zur Ruhe und sie seien nur für Mann und Kinder da, so ging die Tirade weiter. Damals wie heute denke ich immer noch: Selbst schuld! Selbst schuld, wenn ihr das Mutter-Sein als Anstrengung erlebt. Selbst schuld, wenn eure Männer euch nicht bei Haushalt und Kindern helfen. Selbst schuld, wenn das euer erster Urlaub seit Jahren alleine ist. Dafür könnt ihr doch ehrlich niemand anderem als euch die Verantwortung geben!!?

Es ist für mich eine albtraumhafte Vorstellung, mit Mitte 40 aufzuwachen und das Gefühl zu haben, dass ich etwas verpasst habe, in meinem Leben und, dass ich nicht ausreichend gelebt habe, weil ich mich nur um andere gekümmert habe. Allerdings kann ich mir das fast nicht vorstellen. Denn bin ich nicht selbst für mein Leben verantwortlich?

Lebst du deinen Traum?

Die Frage aber, die ich mir dafür selbst täglich stellen muss, ist: Wovon träumst du? Lebst du noch deinen Traum oder hast du schon vor einigen Jahren deine Wünsche hinten angestellt? Hinter dem Leben, dem Alltag, den vielen Dingen, die von Außen auf uns einprasseln. Manchmal wählen wir den einfachen Weg, manchmal den schwierigen, der uns aber als der einzig richtige vorkommt. Welches ist denn nun unser Weg? Und was ist unser Ziel im Leben? Ich glaube, dass wir alle an der ein oder anderen Stelle in unserem Leben kurzfristig vergessen, wo unsere Träume sind. Unsere Träume, die wir als Kind hatten oder als Teenager, denn damals waren wir doch irgendwie noch mehr mit unserem Inneren verbunden. Dann plötzlich kam die Realität – die Eltern, die wollten, dass wir unbedingt Medizin studieren. Der Partner, der plötzlich nach Zürich ziehen wollte und wir sind mitgegangen. Die beste Freundin, die ganz genau zu wissen scheint, welcher Job am Besten zu uns passt.

Ich glaube, dass jeder ab und zu inne halten und aufmerksam lauschen sollte – lebe ich noch meinen Traum? Was wollte ich werden, wenn ich groß bin? Was würde ich jetzt machen, wenn Geld keine Rolle spielen würde? Wen würde ich lieben, wenn ich nicht so große Angst davor hätte?

Vom richtigen Zeitpunkt

Um die Frage vom Anfang zu beantworten: Nein, es gibt momentan nichts, dass ich noch machen möchte bevor mein Sohn zur Welt kommt. Natürlich habe auch ich noch Träume und große Pläne für meine Zukunft. Aber, ich bin doch der Meinung, dass alles irgendwie zum richtigen Zeitpunkt gemacht werden sollte. Momentan passt es eigentlich (wenn ich mal ganz ehrlich bin) super in mein Leben ein Kind zu bekommen, eine Auszeit zu nehmen, inne zu halten, um dann vielleicht die Richtung zu wechseln oder aber um festzustellen, dass die Richtung bereits perfekt ist.

Ich bin dankbar, für alles, was ich in meinem Leben bisher erleben durfte, für alle die Orte, die ich gesehen habe, für jeden Menschen, der meinen Weg gekreuzt hat und für alles, was ich lernen konnte – auch, wenn es manchmal hart war. Mein Weg mag von Außen betrachtet, ein großes Chaos darstellen, vielleicht sucht man vergebens den roten Faden. Aber, der rote Faden ist doch ganz einfach: An jeder Weggabelung frage ich mich „Was will ich wirklich?“ Und, dann gehe ich genau diesen Weg. Sonst werde ich nicht glücklich sein. Und glücklich zu sein, ist doch irgendwie das Wichtigste.

Junge Eltern glauben wirklich, sie müssten ihren Kindern immer zur Verfügung stehen. Und darüber werden sie wahnsinnig. Die Lösung heißt: weniger Aufmerksamkeit auf das Kind richten, mehr auf sich selbst. – Jesper Juul in der ‚Zeit‘.

Und, wovon träumst du?

Was dafür aber wichtig ist: Egoismus! Denn, wenn ich mich nicht um mich selber kümmere, wer soll es dann machen? Und, wem, wenn nicht mir, muss mein Leben gefallen, Spaß machen, Zufriedenheit geben? Wir sollten vom Leben immer das Beste verlangen, was es uns bereit ist zu geben. Denn nur das Beste ist gut genug – wenn man dieses vehement einfordert, dann kann das Leben doch gar nicht anders, als es einem zu gönnen. Egoismus ist auch im Umgang mit Kindern sehr wichtig. Ich kann mich nur um andere kümmern, wenn es mir selbst gut geht. Wenn ich nicht abgebrannt, ausgelaugt, unglücklich und gestresst bin. Um mich um andere zu kümmern, muss ich mich immer erst um mich selbst kümmern. Dann kann ich stark, gelassen, unterstützend und hingebungsvoll sein – und frei!

Nora Hodeige

Nora Hodeige

Gesundheitscoach bei Leben mit ohne
Nora ist entspannt, liebt ihren kleinen Paddler und das Leben, genießt die Sonnenseiten und versucht die Schattenseiten unbeschadet zu überstehen, fühlt sich geliebt und unterstützt und möchte alles dieses mit der Welt teilen.
Wenn Nora nicht mit ihrem Sohn unterwegs ist, bietet sie Gesundheitscoaching für Menschen mit Histaminintoleranz & anderen Unverträglichkeiten an.
Nora Hodeige