Völlig unvorbereitet traf mich letzten Juli die Nachricht, dass ich schwanger war. Alle Anzeichen wie kreisrunder Haarausfall, emotionale Hoch und Tiefs sowie Appetitlosigkeit ordnete ich anderen Ursachen zu. Nie im Leben dachte ich an eine Schwangerschaft – schließlich verhüteten wir – die Botschaft schlug ein und krempelte mein Leben komplett um.

Wie konnte das passieren? Eine diagnostizierte Schilddrüsenfehlfunktion, die die Wirkung der Pille ausgehebelt hatte, könnte der mögliche Grund für unser spontanes Glück gewesen sein, denn auch wenn ungeplant, so freuten wir uns doch über diese Mitteilung. Diskussionen gab es keine – wir wollten es behalten!

Von Ursache und Wirkung

Wir wollten es behalten – so schnell wie der Entschluss gefasst war, bekam ich auch die Ausmaße dieser schönen Entscheidung zu spüren. Für eine unerfahrene Schwangere war die Intensität nicht absehbar. Jedoch machten wir einen Schritt nach dem anderem.

 

1: Die Weggefährten
Nach der kritischen Phase wurde zunächst die Familie, dann Freunde und natürlich der Arbeitgeber informiert. Vorab kann ich schon einmal berichten, dass eine Schwangerschaft nicht nur das Erklimmen eines neuen Beziehungslevels bedeutet, sondern auch Freundschaften vor eine große Herausforderung stellt. Wichtig ist, dass auch wenn der Fokus der angehenden Mamis verrückt ist, sie nicht vergessen, dass es auch eine Welt um sie herum gibt. Diese Welt bedarf ebenfalls Beachtung – auch von Freunden ist beidseitiges Verständnis gefordert.

Aus meiner Wahrnehmung heraus, glaube ich nicht, dass ich eine übereuphorische Schwangere war, die ihrer Umgebung auf die Nerven ging. War ich doch viel zu beschäftigt mit anderen Themen wie Autokauf, Umzug, Übergabe auf Arbeit etc.

Aber dennoch sind auch bei mir Freunde auf dem Weg verloren gegangen. Schon während der Schwangerschaft sah ich einige von Ihnen nur noch alle 3 Monate. War das neue Thema zu schwer für beide Seiten? Waren sie vorher schon mehr oder weniger nicht mehr existent und ich hielt nur noch dran fest? Woran es lag, vermag ich nicht zu sagen. Eine Antwort habe ich bis heute nicht – wahrscheinlich liegt es daran, dass es normal ist, ab und an frühere Freunde aus den Augen zu verlieren. So erging es einem unlängst nach der Schulzeit, nach der Uni, nach dem ersten Job. Schwer werde ich mich wohl immer damit tun, aber ich habe ein Stück weit gelernt es zu akzeptieren und loszulassen. Wenn es dir in deiner Schwangerschaft also auch so geht, dann bist du damit wenigstens nicht alleine.

Und die gute Nachricht liebe fast Mamis: Ihr findet neue Weggefährten. Die Schwangerschaft und auch das Mama Sein sind einfach dazu vorgesehen, dass man neue Leute kennenlernt – solange man eben nur freundlich und ehrlich aufeinander zugeht.

 

2: Urlaub
Schon im vierten Monat wurde uns bewusst, dass die Sorglosigkeit nun ein Ende hat. Wir mussten uns abermals entscheiden. Dieses Mal, ob wir unsere gebuchte Reise nach Sri Lanka antreten wollten oder lieber auf Nummer sicher gehen und den Urlaub absagen wollten. Warum absagen? Weil aufgrund der Flughöhe, wohl eine höhere Strahlung auf den Krümel wirkt, ein 11 Stunden Flug eine hohe Belastung für die Mutter darstellt und die hygienischen Verhältnisse natürlich ein wenig anders sind.

Nachdem wir das Internet rauf und runter gewälzt hatten und uns mit meiner Frauenärztin besprochen hatten, stand der Entschluss fest. Wir sind geflogen, haben unsere Ängste losgelassen und es hat keine negativen Auswirkungen auf unseren Kleinen gehabt! Im Gegenteil – raus aus den vier Wänden – rein in die Erholung – Handy aus – Internet aus – abgeschieden und in Zweisamkeit die Zeit genießen – es war unglaublich schön und jeder der die Chance auf eine solche Wohltat hat, sollte Sie sich noch einmal gönnen, bevor das turbulente Leben zu dritt losgeht.

 

3: Zuhause – Neues Zuhause
Wieder zurück Zuhause ging es weiter – bis dato habe ich zwar fast jeden Tag an der Seite meines Partners gelebt, allerdings hatten wir zwei Wohnungen. Einmal meine WG in Berlin und einmal sein Haus im Stadtrand von Berlin. Ich muss zugeben, dass es ein Luxus war, den wir genossen. Konnten wir doch, wenn es wieder einmal spät auf Arbeit wurde, einfach schnell in meine geliebte WG und dort schlafen. Am Wochenende ging es dann meist zur Entspannung und Erholung ins „Wochenendhaus“ im Stadtrand. Vorbei war es nun damit. Ein Baby in der WG? Meine Mitbewohner hätten mir nach den ersten Nächten freiwillig die Koffer gepackt. Also ab aufs Land. Ein schwerer Schritt für mich nach 7 Jahren, nachdem meine WG mein zweites Zuhause wurde. So kam es auch, dass der abschließende Umzug erst knapp 4 Tage vor Geburt ablief.

Ich kann nicht sagen, wie man am besten mit dem Schließen eines kompletten Kapitels, eines Lebensabschnittes umgeht. Aber die Erkenntnis, dass mir meine Erinnerung und meine kleine zweite Familie (meine WG) nie mehr jemand nehmen kann, hat es leichter gemacht.

 

4: Arbeit
Dass ich mich für meinen kleinen Sonnenschein entscheiden habe, hieß für mich auch mich von meiner „Karriere“-planung vorerst zu verabschieden und mich umorientieren. Meine Pläne zu studieren rückten in den Hintergrund und mein Arbeits-Baby loszulassen war, nachdem ich mich aus meiner WG verabschieden musste, das Schwerste für mich. Ich liebte meine Arbeit, hatte darin meine Leidenschaft entdeckt, habe viel gearbeitet und schwupp – abgeben, alles übergeben und für ein Jahr die Füße still halten.

Mein Mann sagte einmal zu mir ‚Ich weiß, dass du liebst was du tust, aber bald kommt ein neues Baby und das braucht dich viel mehr als dein Arbeitsbaby’. Das waren mit die schönsten Worte, die er mir an Unterstützung in meiner Schwangerschaft mitgegeben hatte. Hatte er doch recht und eine tolle Vertretung war auch gefunden. Es ging nur darum, dass ich lernen musste loszulassen: Aufhören musste alles unter Kontrolle haben zu wollen und darauf zu bestehen, dass alles nach meinem Plan läuft. Geholfen hat mir dabei tatsächlich meine Vertretung, als ich gegangen bin, bin ich mit gutem Gewissen gegangen und dem Wissen, dass sie es rocken wird für dieses Jahr. War ihr Anspruch an sich selbst doch so hoch und außerdem wollte sie es auch für mich unbedingt gut machen. Viel mehr hätte ich nie zu hoffen gewagt. Ich bin immer noch dankbar, dass gerade sie für mich übernommen hat.

 

Loslassen

Umdenken und lernen – viel habe ich mich in meiner Schwangerschaft also notgedrungen mit dem Thema „Loslassen“ beschäftigt.

Die Gegebenheiten anzunehmen, war nicht einfach für mich. Änderte sich doch so viel auf einen Schlag – Umzug, Auto anstelle von S-Bahn, Arbeits-Baby abgeben und der gefühlte Abschied von der Freizeit. Da ich nicht wusste, was alles auf mich zukommen würde, überkam mich ab und an ein wenig Traurigkeit. Vieles Vertraute aufgeben und das Ungewisse willkommen heißen.

Wenn ich davon erzählte, bekam ich oft nur zu hören ‚aber dafür bekommst du jetzt einen Krümel’. Tauschte ich hier eins gegen das andere? Was eine Misere. Jedes Mal, wenn das jemand zu mir sagte, fühlte ich mich schlecht. Schließlich freute ich mich doch auf mein Baby – heute möchte ich ihn nicht mehr missen – wie konnten sie nur denken, dass das nicht so wäre? Alles, was ich mit meiner Traurigkeit und meinen Worten ausdrücken wollte, war, dass sich auf einen Schlag – innerhalb von 7 Monaten – mein ganzes Leben einmal (gefühlt) komplett auf den Kopf gestellt hatte. Und, dass da für eine emotionale Schwangere einfach sehr viel auf einmal passiert. Alles, was ich wollte, war ein wenig Verständnis und jemand, der mir sagte, dass er mich verstehe. Mir vielleicht auch zeigt, dass sich nicht alles komplett ändern wird, sich nur einige Parameter in der großen Gleichung verschieben werden. Dass Freizeit natürlich wieder kommen wird, dass ich der Arbeit auch nur für ein Jahr fern bleiben werde, dass es illusorisch war zu denken, dass man ewig in der WG zusammen leben würde, aber dass meine zweite Familie durch meinen Umzug doch nicht weg wäre.

Das alles hätte ich mir damals gewünscht, dass dies jemand zu mir sagen würde. Daher möchte ich es heute zu euch sagen:

 

Liebe angehende Mamas,

glaubt mir, ich kann euch sehr gut verstehen und alle diese Gedankenspiralen nachvollziehen und sage euch noch einmal, es lohnt sich.

Sich für ein Kind zu entscheiden, heißt, dass man lernen muss loszulassen. Ein Stück weit ein altes Leben loszulassen, ein Stück weit alte Freundschaften loszulassen, die Arbeit für eine bestimmte Zeit loszulassen, Ordnung und Struktur loslassen. Die Schwerpunkte werden sich vielleicht verschieben – zumindest für eine Zeit. Es gibt erst mal einen neuen Mittelpunkt eurer Gedanken und eures Lebens.

Gebt euch Zeit, euch darauf vorzubereiten und macht im Mutterschutz vor der Geburt noch einmal etwas nur für euch, etwas das euch das Loslassen versüßt. Besinnt euch noch einmal auf euch selbst. Für vieles werdet ihr auch in den ersten drei Monaten nicht die Zeit haben, denn der Fokus ist komplett verschoben. Gönnt euch daher vorher noch einmal etwas!

Dafür habt ihr eventuell nicht die Zeit in den ersten Monaten mit Baby:

  1. Friseurbesuch – die Haare leiden sehr unter Schwangerschaft und Stillzeit.
  2. SpaTag mit der liebsten Freundin (ihr werdet euch die nächsten drei Monate nicht mehr allein zu zweit sehen).
  3. Dem Lieblingsrestaurant einen Besuch abstatten – Essen werdet ihr nach der Geburt erst einmal nicht mehr in vollen Zügen genießen können, sondern eher so zwischendurch mal einen Bissen zu euch nehmen können – für mich gehört gutes Essen zur Lebensqualität.
  4. Vielleicht um den 6. Monat der Schwangerschaft rum noch einmal ein Wochenende mit dem Partner – raus und noch einmal Zeit zu zweit genießen, bevor man das spannende Abendteuer Familie startet.
  5. Genießt noch einmal einen Abend im Kino, Theater oder sonstiges.
  6. Wenn ihr Arbeitstiere seid, dann sucht euch ein kleines Projekt für die Elternzeit.

 

Und plötzlich Baby! – Liebe Schwangere, egal wie es dazu kam, dass ihr in frohen Erwartungen seid, ich wünsche euch viele tolle Erfahrungen. Seid euch gewiss, der Sprung ins Ungewisse wird auch bei euch dazu führen, dass Veränderungen Einzug halten, aber es lohnt sich. Nach der Geburt würdet ihr es nie wieder anders haben wollen. Und vergesst euch selbst nicht! Beschäftigt euch mit den Veränderungen, die auf euch zukommen werden und akzeptiert, dass die Entscheidung für das Baby auch heißt, sich von anderen Dingen (Plänen, Menschen, Strukturen) zu verabschieden – Loslassen lernen kann man nicht oft genug lernen.

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